Wer durch den Schelmengraben geht, erlebt ein Wohnumfeld, das von Farben geprägt ist: kräftige Akzente an den Hauseingängen, ruhige Farbflächen dazwischen und viel Grün der Bäume und Pflanzen, das alles verbindet. Die Sprache der Farben geht auf Ernst May zurück, den Architekten, der den Schelmengraben geplant hat. Sein Ziel: gutes und bezahlbares Wohnen mit Licht, Luft und viel Grün – und eine klare, praktische Gestaltung. Diese Idee wird im Quartier bis heute bewahrt und weiterentwickelt, unter anderem vom Landschaftsarchitekten Erik Hanf.
Farbe als Orientierung
Die Farben im Schelmengraben stammen aus der Tradition des „Neuen Frankfurt“, einem Wohnungsbauprogramm der 1920er Jahre mit dem in der Mainmetropole die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg gemindert werden sollte. Auch daran war Ernst May beteiligt. Es sind gedeckte, naturnahe Farben, die das Quartier prägen: Ochsenblutrot, Umbra, Ocker, Blaugrau und Olivgrün. Die Farbtöne sind dabei Werkzeug der Gestaltung, nicht bloße Dekoration, denn sie bieten Orientierung, weil die Farben mit Elementen der Häuser wie Eingängen und Wandflächen verbunden sind.
In den 1960er-Jahren wandelte sich Wiesbaden von der Kurstadt zur Großstadt. Wieder wurden tausende Wohnungen benötigt. Ernst May plante für die hessische Landeshauptstadt das Programm „Das neue Wiesbaden“. Am Schelmengraben wurden seine Prinzipien für gesundes, bezahlbares Wohnen mit viel Grün weitgehend umgesetzt. Der Bau startete 1967, insgesamt entstanden rund 2.570 Wohnungen. Loggien statt enger Balkone und gute Belichtung galten als Anspruch der Zeit. Auch die Farbstrategie war Teil des Ganzen und prägt das Bild bis heute.
Mit den Jahrzehnten aber verblassten die Originaltöne. Zwischenzeitlich tauchten bei Modernisierungen Pastellfarben auf. Das war gefällig, hatte aber keine klare Linie. Für Arbeiten in jüngerer Zeit wertete Erik Hanf gemeinsam mit der GWH historische Fotos und erhaltene Originalfassaden aus. Sichtbar wurde ein einfaches System: wenige prägnante Farbtöne plus Graustufen, konsequent angewendet. Das historsiche Farbkonzept wurde wieder aufgenommen und es entstanden Aha-Momente: Man versteht die stadtplanerische Idee hinter dem Quartier viel besser. Erik Hanf sagt: „Nicht jedes Haus muss hervorstechen. Das Ganze wirkt, wenn es zusammen gedacht ist. Das Zusammenspiel auch der Farben macht die Siedlung stark.“
Das Team um Erik Hanf
Erik Hanf leitet das Büro „hanf – Gartenarchitekten und Landschaftsplaner“ in Kassel. Sein Team gestaltet Parkanlagen, Spiel- und Schulhöfe, Sportflächen und vor allem die Außenbereiche rund ums Wohnen. Im Schelmengraben arbeitet Hanf als Landschaftsarchitekt und zusätzlich als Quartierskoordinator. Er beschreibt sein Arbeitsfeld so: „Wir kümmern uns um alles oberhalb der Dachabdichtung und außerhalb der Wohnungstür, kurz: um das Wohnumfeld.“ Gemeint sind Wege und Plätze, Beete und Rasenflächen, Bänke, Spiel- und Sportbereiche – also das, was den Alltag im Quartier draußen angenehm und nutzbar macht.